Der Aperitif – die schönste Nebensache der Welt? | Bremer Weinkolleg

Der Aperitif – die schönste Nebensache der Welt?

aperitifkultur

Allgemein Lesezeit: 3 Minuten 9. Oktober 2019

Gibt es etwas Schöneres als die Vorfreude auf den Feierabend mit Freunden, bei schönem Essen und Trinken? Ja, die gibt es – nämlich die Vorfreude auf den ersten Schluck beim Aperitif! Den Arbeitsalltag hinter sich lassen, im geselligen Zusammensein, ist der Aperitif die wohl stilvollste Form, in den Abend zu starten, die wir selbst gerne zelebrieren und mit Ihnen teilen möchten.

Andere Länder, andere Sitten

Bei vielen unserer europäischen Nachbarn ist der Aperitif fixer Bestandteil des (vor)abendlichen Treffens unter Freunden – sich bei einem Glas und ein paar Häppchen auszutauschen, Kontakte zu pflegen, und den kostbaren Feierabend in guter Gesellschaft zu verbringen. Aperitivo in Italien, Ápero in der Schweiz und in Frankreich, die Tapaskultur in Spanien – der Aperitif ist ein Highlight des Abends und wird oftmals fast ausgiebiger erlebt als das nachfolgende Abendessen. Das spanische Wort „tapear“ bedeutet im Übrigen „durch Bars und Restaurants ziehen, um Kleinigkeiten („tapas“) zu essen und dazu zu trinken“ – eine sehr schöne Angewohnheit, finden wir! Und in der Schweiz ist der Àpero tatsächlich oft der Hauptdarsteller des Abends – eine lockere Stehparty mit ein paar Gläsern animierenden Inhalts und passendem Fingerfood, und man lässt den Tag beschwingt und gutgelaunt ausklingen.

Der Aperitif – ein echter Wohltäter

Natürlich ist der Aperitif nicht nur eine lustvolle Gewohnheit, die wir gerne pflegen. Nein, schon die Griechen und Römer wussten um den appetitanregenden Effekt der Bitterstoffe in verschiedenen Kräutern und schätzten deren wohltuende und belebende Wirkung auf Magen und Darm vor dem Essen. „Aprire“ bedeutet öffnen und so „öffnet“ der Aperitif buchstäblich den Magen, um alles, was danach kommt, in vollen Zügen genießen zu können. So wurde im alten Rom das Gemisch aus Wein und Honig mit Minze, Rosenblättern, Pfeffer, Veilchen angereichert, um sich auf die nachfolgenden Gelage vorzubereiten.

Auch das Wermutkraut (Artemisia absinthium) war bereits bekannt, es wurde vor allem in der Medizin als Allheilmittel für jegliche Art von Magenbeschwerden verwendet. Seinen Durchbruch verdankt es einem findigen Italiener, Antonio Benedetto Carpano, der nach seinem Studium der Naturwissenschaften über viele Experimente mit verschiedenen Kräutern 1780 in Turin das Getränk erfand, das wir heute als Vermut kennen und lieben – Wein mit Kräutern und Gewürzen wie Zimt aromatisiert und mit Karamell gesüßt.

Der Trend verbreitete sich schnell auch in Frankreich, Marken wie Noilly Prat und Lillet entstanden, die Franzosen verwendeten besseren Grundwein und weniger Zucker. Nichtsdestotrotz blieb das Zentrum des Vermuts Turin und in weiterer Folge entstanden dort sogenannte Bitterliköre, bei dem die Bitterstoffe statt in Wein in destilliertem Alkohol aufgelöst wurden. Bitterorange und Chinarinde, Enzian und Anis, sowie die Artischocke wurden beliebte Zutaten und der Bitterlikör löste schnell die Suppe als Auftakt zum Essen ab – der Aperitif als eigene Getränkekategorie war geboren.

 Und welcher Aperitif darf es für Sie sein?

Der klassischste Aperitif ist und bleibt der Schaumwein – das Prickeln und die animierende Säure regen die Magensäure an, es läuft einem sprichwörtlich das Wasser im Mund zusammen! Ob Champagner, Prosecco oder ein schöner Winzersekt, die Auswahl ist groß und hängt oft vom Anlass und Budget ab, aber auch vom Ambiente und den nachfolgenden Speisen.

In Deutschland ein wenig aus der Mode gekommen, ist trockener Sherry. Ebenfalls ein Klassiker, nicht zuletzt, weil er hervorragend zu verschiedensten Appetithäppchen passt. Ob gesalzene Mandeln oder Pistazien, Oliven, Schinken oder Käse, aber auch Fisch und Meeresfrüchte – ein gut gekühlter Fino mit seiner Frische und leichten Fruchtigkeit eignet sich hervorragend dazu! Manzanilla bringt darüber hinaus feine Salzigkeit mit, die animiert und einem die frische Meeresbrise in die Nase steigen lässt.

Auch leichte und fruchtige Weiß– oder Roséweine mit spritziger Säure machen zum Aperitif Spaß. Aromatische Rebsorten wie Muskateller oder Riesling regen den Gaumen mit zarter Frucht und delikater Säure an, frisch-fruchtige Roséweine animieren mit würziger Note.

Aperitif, die schönste Nebensache der Welt – für uns eindeutig JA! Mit einem köstlichen Schluck in den Abend zu starten und sich in guter Gesellschaft auf anregende Gespräche einzulassen oder sich einfach zu entspannen – probieren Sie einfach aus, was Ihnen am besten schmeckt und Sie werden nie mehr auf den Aperitif verzichten wollen, versprochen!

Aperitifempfehlungen

Champagne Gimonnet Brut Cuis

Pierre Gimonnet, Frankreich

29,90 €

0,75 l Flasche (39,87 € / L), 12,5 % vol

Chardonnay, Bewertung: 92 Punkte Wine Spectator, 91 Parker Punkte

Fino Jarana

Emilio Lustau, Spanien

14,50 €

0,75l Flasche (19,33 €/L), 15 % vol

Chardonnay, Duft: Nüsse, Zitrusfrucht

2018 Two Princess Riesling

Prinz Salm, Deutschland

9,80 €

0,75l Flasche (13,07 €/L), 10 % vol

Riesling, Geschmack: grüner Apfel, Maracuja, Birne

Unsere Autorin

Radka Pölking, Sommelière IHK und Weindozentin

Langjährige Erfahrung in der Sternegastronomie, sowie die Liebe zum Wein haben ihren beruflichen Weg geprägt. In der Nähe von Prag geboren, begann Sie ihre Karriere 1995 in Hamburg bei DASA Airbus mit dem Service für internationale Staatsgäste. Danach führte sie ihr Weg unter anderem in das berühmte Privathotel Lindtner in Heimfeld. 2004 zog es Radka Pölking in die weite Welt auf ein Kreuzfahrtschiff bei der Rederei Happag Lloyd, um im Anschluss direkt auf dem Hamburger Süllberg ins Gourmet Restaurant Seven Seas, 2 Michelin Sterne ihren Werdegang fortzusetzen. 2010 folgte in Hamburg der Besuch der Deutschen Wein- und Sommelier-Schule, den sie mit der Prüfung zur IHK-geprüften Sommelière erfolgreich absolvierte. Heute ist sie eine erfahrene Weinkennerin und renommierte Weindozentin.

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