Emanzipation in der Spitze des Spätburgunders

Das neue Selbstbewusstsein
deutscher Spätburgunder-Produzenten

Text von Kristine Bäder, Weinjournalistin

„Wenn man Spätburgunder macht, muss man es richtig machen!“ Sophie Christmann vom Weingut Christmann in Neustadt a. d. Weinstraße bringt auf den Punkt, worüber sich die Spitze der deutschen Spätburgunder-Erzeuger einig ist: Die Diva unter den Rotweinen benötigt viel Aufmerksamkeit und intensive Arbeit, um ihre ganze Qualität zu zeigen. Einfacher Spätburgunder im Basissegment tue sich im deutschen Markt daher sehr schwer, die Nachfrage bei Weinen ab 10 bis 20 Euro sei ungleich besser, hat auch Johannes von Gleichenstein beobachtet. Die Gründe dafür liegen für Johannes von Gleichenstein auch in der anspruchsvollen Rebe selbst: Trinker von Rotweinen im Basissegment suchen kräftige Weine mit intensiver Farbe, das kann Spätburgunder nicht bieten. Die Liebhaber von guten Spätburgundern hingegen geben lieber etwas mehr Geld aus, um einen anspruchsvollen Rotwein zu bekommen.“

Seit Sophie Christmann im Jahr 2018 im Weingut der Familie Verantwortung übernommen hat, hat sich der Stellenwert des Spätburgunders unter dem Anspruch „es richtig zu machen“ deutlich verändert. „Natürlich werden wir immer einen Schwerpunkt auf den Riesling legen, aber in den vergangenen Jahren haben wir den Anteil des Spätburgunders von 17 auf 25 Prozent erhöht“, sagt sie. Während Vater Steffen sich immer sehr auf die Rieslinge konzentriert hat, entschied sich die junge Winzerin dafür, dem Spätburgunder im Weingut mehr Bedeutung zu verschaffen. Langfristig wird es im Weingut Christmann nur noch um diese beiden Sorten – Riesling und Spätburgunder – gehen.

  • 2017 Reiterpfad Hofstück GG Großes Gewächs Riesling... Weingut Christmann
    pro Fl. 49,00 * 0.75 l-Flasche (65,33 €/L)
    BIO
    Weingut Christmann – Reiterpfad Hofstück GG

Weingut Wageck-Pfaffmann, Pfalz

Auch Thomas Pfaffmann vom Weingut Wageck-Pfaffmann im pfälzischen Bissersheim hat in den vergangenen Jahren an der Stilistik seiner Spätburgunder gefeilt. Seine Ambivalenz zum Thema bringt er klar zum Ausdruck: „Die Bedeutung des Spätburgunders ist für mich ganz weit oben. Aber er ist einfach sehr schwer zu vermarkten, gerade wenn man eine anspruchsvolle Linie verfolgt.“ Das bedeutet für ihn vor allem eine trockene Stilistik, spontan vergoren und eine lange Maischestandzeit. Die Weine brauchen manchmal schon eineinhalb Wochen, bevor sie überhaupt anfangen zu gären. Im Laufe der Jahre ist er davon abgekommen, die Maische durch zu viel Unterstoßen zu strapazieren. „Heute machen wir das nur noch sehr wenig, sondern überschwallen die Maische.“ Dabei wird der Saft während der Gärung von unten abgepumpt und von oben wieder über die Trauben gegeben, um Farbe, Aromen und Extrakt ganz vorsichtig auszulösen. So entsteht eine schöne Farbe, die eher ins Violette als ins Dunkle geht. Gerade die Farbe ist für viele Weintrinker beim Rotwein ein entscheidendes Kriterium, das den Zugang zum Spätburgunder im Zweifel erschwert.

Auch geschmacklich sorgt die vorsichtige Behandlung während des Weinausbaus für das gewünschte Ergebnis: eine „tolle Frucht“, ganz ohne jede überreife Aromatik. „Wir wollen es ultrazart, suchen das Feine, das Elegante in unseren Spätburgundern“, betont Thomas Pfaffmann. Voraussetzung für diese Weine ist neben gesunden Trauben der ideale Zeitpunkt der Ernte. Wie Sophie Christmann schwört der Winzer auf die kalkigen Böden. „Der Geisberg ist unser Filetstück in der Lage Goldberg: extrem kalkig und vom Klon her passt das auch. Wer da etwas Schlechtes draus macht, dem ist nicht zu helfen“, sagt er, begeistert von den Voraussetzungen im Norden der Pfalz. Gerade hier hat der Pfälzer Spätburgunder eine lange Tradition, weil es deutlich weniger Niederschlag gebe und die Kalkböden die Säure im Spätburgunder abpufferten.

  • 2016 Spätburgunder FUNDAMENT Qualitätswein aus der Pfalz Weingut Wageck Pfaffmann
    • ab 6 Fl.: 8,20 €* (10,93 €/L)
    pro Fl. 8,90 * 0.75 l-Flasche (11,87 €/L)
    NEU
    Weingut Wageck Pfaffmann – Spätburgunder FUNDAMENT
  • 2016 Spätburgunder GOLDBERG Qualitätswein trocken Weingut Wageck Pfaffmann
    pro Fl. 29,90 * 0.75 l-Flasche (39,87 €/L)
    NEU
    Weingut Wageck Pfaffmann – Spätburgunder GOLDBERG
  • 2019 Chardonnay & Weissburgunder TERTIÄR Qualitätswein trocken Weingut Wageck Pfaffmann
    pro Fl. 9,90 * 0.75 l-Flasche (13,20 €/L)
    NEU
    Weingut Wageck Pfaffmann – Chardonnay & Weissburgunder TERTIÄR

Weingut Gleichenstein, Baden 

Ganz anders prägen die vulkanischen Böden am Kaiserstuhl die Spätburgunder. Innerhalb von Baden bildet der Kaiserstuhl eine Art Wärmeinsel und bietet damit schon mal klimatisch ideale Voraussetzungen für den Spätburgunder. „Wir bemerken in unseren Pinots immer wieder diese stark mineralische Prägung“, schwärmt Johannes von Gleichenstein von der Kombination der beiden Parameter Boden und Klima. Statt der typischen Kirscharomen finde man eher die kräutrige Art in den Spätburgundern des Kaiserstuhls, sodass hier eine ganz andere Stilistik entstehe. In Blindverkostungen könne man Spätburgunder aus Oregon oder Neuseeland immer rausschmecken, die Unterschiede zwischen Kaiserstuhl und Burgund hingegen seien dagegen nicht so eindeutig zu identifizieren.

Im Weingut von Gleichenstein wachsen die besten Spätburgunder im berühmten Ihringer Winklerberg und im Oberrotweiler Eichberg. In der dritten Lage des Weinguts, dem Henkenberg, steht dagegen vor allem Grauburgunder, neben der roten Vorzeigesorte die zweitwichtigste Rebe im Weingut. „Die Südlagen des Winklerbergs und des Eichbergs sind für den Spätburgunder viel besser geeignet als die Westausrichtung des Henkenbergs.“ Gerade die Kräuteraromen kommen im Winklerberg noch viel besser heraus, während der Eichberg den Spätburgundern noch etwas dunkle Frucht mitgibt. Die Kaiserstühler Interpretation eines Spitzen-Pinots sieht auch Johannes von Gleichenstein eher in der Eleganz und Feinfruchtigkeit, die Spätburgunder in seiner besten Ausführung zeigt. „Wir wollen keine alkoholischen Kraftbomben mehr, diese Überreife aus den Neunzigerjahren hat sich inzwischen überholt. Unsere Spätburgunder zeichnet heute das Filigrane aus. Das Kraftvolle überlassen wir dem Bordeaux mit seinen Cuvées.“ Dass es in den Kaiserstühler Lagen in absehbarer Zeit einmal zu warm werden könne für die elegante Stilistik des Spätburgunders, bereitet Johannes von Gleichenstein kein Kopfzerbrechen. „Wir haben noch so viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren, die wir noch gar nicht nutzen. So schnell kommen wir hier nicht an die Grenzen“, ist er überzeugt. „Ich habe mir in den Kopf gesetzt, das Weingut als reines Burgundergut zu führen, und das gilt momentan noch.“

Natürlich gehe der Blick auch immer wieder ins Burgund, dessen Klone man bei Neuanlagen gerne pflanze. Seit den 1990ern habe man gerade im Ausbau viel gelernt und an Erfahrung gewonnen. „Wir haben zu Anfang noch verstärkt die Maische untergestoßen, bis zu vier Mal am Tag. Heute überschwallen wir nur noch, sonst ist uns die Tanninausbeute zu stark“, erklärt der junge Weingutsbesitzer, der das Weingut mit seiner Frau Christina in elfter Generation führt. Auch beim Barriqueausbau gehe man inzwischen sehr differenziert vor, das Verhältnis neues und gebrauchtes Holz sei wichtig für den Feinschliff.

Weil er wie seine Winzerkolleginnen und -kollegen die Beobachtung gemacht hat, das Spätburgunder im Einstiegsbereich wenig Aufmerksamkeit erfährt, nutzt er den Trend zum Rosé. „Mein Vater wurde der Weißherbst-Baron genannt“, erzählt er schmunzelnd. Die Rosé-Produktion folgt also einer Familientradition. Bis in die Achtzigerjahre gab es nur einen Rotwein, dafür Weißherbst in verschiedenen Varianten bis hoch in die Beerenauslese-Qualität. Weil die Bezeichnung inzwischen in die Jahre gekommen ist und Verbraucher damit eher altmodische Weine verbinden, hat Johannes von Gleichenstein seinem Vater den Weißherbst vor einigen Jahren „ausgeredet“ und produziert seitdem ganz unaufgeregt Pinot Rosé. „Wir machen einen sehr guten feinherben Rosé und gehen im trockenen Bereich eher in die südfranzösische Richtung mit einer etwas helleren Farbe und schönem Säurespiel“, erklärt er die neue Ausrichtung.

  • 2018 Gutswein Spätburgunder trocken Qualitätswein aus Baden Weingut Freiherr von...
    pro Fl. 9,20 * 0.75 l-Flasche (12,27 €/L)
  • 2017 Ihringer Winklerberg Spätburgunder trocken Weingut Freiherr von...
    pro Fl. 21,90 * 0.75 l-Flasche (29,20 €/L)
  • 2020 Pinot Noir Rosé trocken Qualitätswein aus Baden Weingut Freiherr von...
    pro Fl. 9,50 * 0.75 l-Flasche (12,67 €/L)

Weingut Neipperg, Württemberg

Im benachbarten Württemberg verfolgt man im Weingut Graf Neipperg die Idee, einen etwas kühleren Spätburgunderstil als am Kaiserstuhl zu produzieren. Obwohl die Grafen Neipperg seit Urzeiten als dem Lemberger verbunden gelten, hat Spätburgunder inzwischen fast die Bedeutung eines gleichwertigen Gegenübers erreicht. „Spätburgunder war bei der extrem großen Sortenvielfalt in Württemberg lange nur eine Sorte unter vielen für uns“, berichtet Philipp von Neipperg. Erst als sein Vater in den 1970er Jahren den Freiburger Klon mit seinen geringen Erträgen und den kleinen und kompakten Trauben für sich entdeckte, begann er, sich intensiver damit zu beschäftigen. „Dieser Klon passt extrem gut für unsere Sandstein-Böden“, so Philipp von Neipperg. Während in den vom Keuper geprägten Südhängen Lemberger, Trollinger und Riesling wachsen, beansprucht der Spätburgunder der Neippergs die kühleren Sandsteinlagen auf dem Plateau, „weil die kühleren Lagen dem Spätburgunder sehr gut tun“.

Die kompakten Trauben bedeuten aber auch eine Herausforderung im Weinberg: Viel Laubarbeit und starkes Entblättern sowie das Halbieren der Trauben sind notwendig, damit die Trauben ausreichend Luft bekommen und lange gesund bleiben, um auszureifen. „Wir haben uns inzwischen eine ganz eigene Vorstellung unseres Spätburgunders erarbeitet“, sagt der studierte Betriebswirtschaftler. Eine sehr kühle Stilistik mit einem dezenten Holzeinsatz, der sowohl in Barriques als auch in Tonneaus stattfindet. „Wir haben auch Waldbesitz, aus dem wir das Holz für unsere eigene Fässer schlagen“, erklärt er. Gerade beim Holzfassausbau habe man in den Anfängen von der Erfahrung des Onkels im Bordeaux-Weingut Canon La Gaffelière profitiert. Vergleicht er den Pinot Noir mit dem Lemberger, passt letzterer für ihn eher zum Zwiebelrostbraten, der Spätburgunder zum „exquisiten Essen“, da dieser nicht unbedingt eleganter als der Lemberger sei, aber dezenter. Lemberger wolle einen Gegenspieler, Spätburgunder sei da geschmeidiger. Die Großen Gewächse aus dem Neipperger Schlossberg sind für ihn die feineren Weine, die Spätburgunder aus der Schwaigerner Ruthe dagegen etwas kräftiger und dynamischer.

Der künftige Nachfolger des Weinguts geht auch das Thema Bio-Weinbau an. „Wir tasten uns da ran, wollen aber nichts überstürzen“, erklärt er. Obwohl er selbst keine Ausbildung in Sachen Wein gemacht hat, sieht er noch viele Projekte, die man in Angriff nehmen müsse, beispielsweise Bodenverbesserung und Biodiversität in den Weinbergen. „Mein Onkel in Bordeaux spricht immer augenzwinkernd davon, dass man auf Canon La Gaffelière inzwischen schon 40 Prozent des Potenzials ausschöpfe, das sehe ich bei uns ähnlich“, sagt Philipp von Neipperg schmunzelnd.

Seit kommuniziert werde, warum die Winzerinnen und Winzer an große Spätburgunder glauben, erlebten sie auch international einen enormen Zuspruch, so die Erfahrung der Pfälzerin Sophie Christmann. Sie ist zuversichtlich, dass deutscher Spätburgunder in Zukunft mehr Aufmerksamkeit erfahren wird und möchte erreichen, dass deutscher Spätburgunder mehr Anerkennung erhält. Dafür gebe es bereits eine große Offenheit. Dennoch müsse man den Leuten immer noch erzählen, warum die deutschen Pinots gut seien. Dem stimmt Johannes von Gleichenstein zu: „Wir müssen noch viel an der Wertschätzung des Spätburgunders arbeiten.“ Aktuell spiele aber die Preisstrategie im Burgund den eigenen Pinots in die Karten. „Wer nach hochqualitativen Alternativen sucht, kann sie bei uns finden.“

  • 2018 Spätburgunder trocken Qualitätswein aus... Schlossgut Graf Neipperg
    pro Fl. 9,90 * 0.75 l-Flasche (13,20 €/L)
  • 2015 Spätburgunder trocken Neipperger Qualitätswein aus... Schlossgut Graf Neipperg
    pro Fl. 14,00 * 0.75 l-Flasche (18,67 €/L)
  • 2018 Neipperger Schlossberg Lemberger GG Qualitätswein aus... Schlossgut Graf Neipperg
    pro Fl. 30,90 * 0.75 l-Flasche (41,20 €/L)